Provenienzforschung

Zuständigkeiten: Dr. Susanne de Ponte


1. Allgemeines

2. Restitutionsprüfverfahren und abgeschlossene Restitutionen

3. Aktuelle proaktive Provenienzforschung

4. Teilnahme am Tag der Provenienzforschung

 





Allgemeines


Das Deutsche Theatermuseum betreibt kein eigenes Referat für Provenienzforschung, ist jedoch seit 2012 bemüht, hinsichtlich der hauseigenen Bestände den Verpflichtungen zur Identifikation und Restitution NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts nachzukommen, die aus der 1998 (“Washington Conference on Holocaust Era Assets“) bzw. 1999 von der Bundesrepublik Deutschland mitunterzeichneten »Washingtoner Erklärung« (der “Gemeinsamen Erklärung von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden zur Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz“) resultieren.

Das Deutsche Theatermuseum ist bestrebt, die systematische Überprüfung der Bestände seit 1933 bis heute hinsichtlich ihrer Herkunft anhand vorhandener Dokumente sowie die Bearbeitung konkreter Restitutionsanfragen bzw. –forderungen wie sie etwa erstmals von den Erben Michael Berolzheimer an das Deutsche Theatermuseum gestellt wurden, zu betreiben. In Ermangelung eines Referenten, der sich dauerhaft und konzentriert bestandsbezogenen Provenienzfragen widmen kann, wird derzeit versucht in Zusammenarbeit, im Austausch und durch die Unterstützung der Kollegen des Forschungsverbundes Provenienzforschung Bayern Einzelanfragen zu bearbeiten und mit Hilfe eines Drittmittelantrages eine zumindest befristete Stelle für eine projektbezogene Provenienzforschung am Haus zu installieren und damit die Überprüfung des Verdachtes auf Raubkunst bzgl. der im Auktionshaus Helbing und Weinmüller zwischen 1936 und 1939 getätigten Ankaufe des Deutschen Theatermuseums gezielt voran zu treiben. 



http://www.provenienzforschungsverbund-bayern.de/



Seit September 2016 ist das Deutsche Theatermuseum Mitglied im Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern und nimmt regelmäßig an den Arbeitstreffen des FPB teil. Die Mitgliedschaft im FPB ermöglicht den kollegialen Austausch mit Provenienzforschern an staatlichen und nichtstaatlichen Museen und eröffnet den Zugang zu forschungsrelevanten Ressourcen.


Restitutionsprüfverfahren und abgeschlossene Restitutionen


In 2014 abgeschlossene Restitution einer Kohlezeichnung von Louis Letronne ("Porträt des Ranunzio Pesadori") sowie einer Lithographie von Ernst Oertel nach Louis Letronnes


Dr. Michael Berolzheimer verstarb am 5.06.1942 in Mount Vernon, New York. Das von seinen Erben mit der Forderung nach Restitution der Kunstsammlung beauftragte Holocaust Claims Processing Office (HCPO) wandte sich 2012 zunächst an das Österreichische Theatermuseum, weil es eine gesuchte Handzeichnung von Louis Letronnes (1790-1842) dort vermutete. Da das Wiener Museum das gesuchte Blatt nicht besaß, leitete es die Anfrage an das Deutsche Theatermuseum weiter, wo Nachforschungen ergaben, dass zwei Blätter, sowohl die Kohlezeichnung von Louis Letronne wie die danach gearbeitete Lithographie von Ernst Oertel, im Jahr 1939 beim Auktionshaus Weinmüller München angekauft worden waren und sich auch noch im Bestand nachweisen ließen. Sowohl die Zeichnung als auch die Lithographie zeigen ein Zivilportrait des Tenors Ranunzio Pesadori (1800-1871).

Der Jurist Dr. Michael Berolzheimer (1866-1942) brachte in München seine weitreichenden Kunstkenntnisse u. a. in seiner Funktion als Mitglied der Ankaufskomitees der Alten Pinakothek, der Graphischen Sammlung und der Deutschen Orientgesellschaft ein. Als privater Kunstsammler konnte Berolzheimer ab ca. 1895 eine beachtliche Sammlung hochwertiger Kunstwerke zusammentragen. Unter dem Druck der Nazi-Herrschaft bemühten sich Dr. Michael Berolzheimer und seine Frau 1938 um die Erlaubnis zur Auswanderung, die sie nur unter Verzicht ihres Teiles ihres Eigentums und Vermögens erhielten. Im selben Jahr emigrierten sie nach New York. Anschließend wurde Berolzheimer von den deutschen Behörden aufgefordert, die Judenvermögensabgabe zu zahlen und die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm entzogen.


Ein Teil seiner Kunstsammlung kam in den Auktionen im Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller am 1. und 2.12.1938 und am 9.und 10.3.1939 in München zum Verkauf. Wie der Katalog von Weinmüller belegt, befand sich unter den Auktionsnummern auch die Kohlezeichnung von Louis Letronne mit dem Bildnis des Sängers Ranunzio Pesadori. Die Zeichnung wurde im Katalog als Nr. 732 gelistet und wurde unter Beigabe einer Lithographie von Ernst Oertel (nach dem Original von Letronne) angeboten.

Nach eingehender Prüfung des Restitutionsanspruchs durch das Referat für Provenienzforschung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wie auch der dortigen museumsjuristischen Abteilung und in Anerkenntnis der auch den Freistaat Bayern und dessen Einrichtungen selbst verpflichtenden Prinzipien und Grundsätze zur Auffindung und Rückgabe unrechtmäßig während der NS-Zeit entzogener Kunst- und Kulturgüter (»Washingtoner Erklärung«), konnte das Deutsche Theatermuseum am 25.06.2014 die beiden genannten graphischen Blätter an die Erben von Dr. Michael Berolzheimer restituieren.


In 2018 abgeschlossene Restitution von 7 Handzeichnungen zum Nürnberger Schembartlauf


Nach dem Fund und der Schenkung annotierter Auktionskataloge des Auktionshaus Helbing bzw. Weinmüller im Jahr 2013 an das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München und deren in Folge durchgeführten Auswertung, verdichtete sich der Verdacht auf Raubkunst für 7 Handzeichnungen aus dem Graphischen Bestand des Deutschen Theatermuseums: aus den Annotationen des Kataloges zur Auktion am 09./10.03.1939 gingen der Einlieferer, der Münchner Kunst- und Antiquitätenhändler Siegfried Lämmle sowie der Käufer, das Theatermuseum  klar hervor. Die 7 Zeichnungen entstammten der Privatsammlung von Siegfried Lämmle bzw. den noch unverkauften Beständen der Kunsthandlung. Nach dem Erlass des Präsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste vom 28.8.1935 wurden in der Folge jüdische Kunsthändler in München aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen und ihnen die weitere Ausübung ihres Berufes verboten. Auf diese Entwicklung reagierten Siegfried und sein als Geschäftsnachfolger vorgesehener Sohn Walter Lämmle ab September 1936 mit der Auflösung der Kunst- und Antiquitätenhandlung. Nachdem im Februar 1938 die Kunsthandlung ganz abgemeldet worden war, stellten Siegfried und Betty Lämmle Ausreiseantrag. Nachdem sie von den Behörden aufgefordert worden waren, die in ihrem Privatbesitz befindlichen Kunstwerke, die nach Amerika ausgeführt werden sollten, schätzen zu lassen, wurde eine Schätzung derselben von einem Mitarbeiter des Auktionshauses Weinmüller durchgeführt. Ende September 1938 konnten Siegfried und Betty Lämmle über Frankreich in die USA ausreisen. Ihr Umzugsgut, darunter die taxierte private Kunstsammlung, hatte das Ehepaar vor ihrer Abreise für den vorgesehenen Transport nach Amerika bei einer Münchner Möbelspedition eingelagert. Ende November 1938 wurden alle eingelagerten Kunstwerke von der Gestapo beschlagnahmt und anschließend verkauft.

Die 7 Handzeichnungen aus dem Bestand des Deutschen Theatermuseums, welche 5 Figurinen zum Nürnberger Schembartlauf (17. Jh.) und 2 Darstellungen zu Zunfttänzen (18. Jh.) umfassen, waren in der Auktion vom 09./10.03.1939 Teil dieses Verkaufes.
Wenige Monate nachdem seine Ehefrau Betty am 12. August 1948 im Alter von 68 Jahren in Los Angeles gestorben war, stellte Lämmle zusammen mit seinem Sohn Walter fristgerecht am 21. Dezember 1948 einen Wiedergutmachungsantrag beim Zentralanmeldeamt in Bad Nauheim. Fünf Jahre nach dem Tod seiner Ehefrau Betty verstarb auch Siegfried Lämmle am 11. Juni 1953 im Alter von 90 Jahren in Los Angeles. Als Testamentsvollstrecker fungierte nach seinem Tod der jüngste Sohn Walter. 
Als Resultat des jahrelangen Wiedergutmachungsverfahrens zwischen Walter Lämmle und der Bundesrepublik Deutschland wurde 1958 ein Vergleich geschlossen, dessen Kern eine Wiedergutmachungszahlung ist, mit der jene zum damaligen Zeitpunkt nicht habhaft zu machenden Kunstgegenstände aus der privaten Kunstsammlung Siegfried Lämmles abgegolten wurden.

Im Januar 2017 setzte das Deutsche Theatermuseum die Erben Siegfried Lämmles über den Stand der laufenden Provenienzforschungen in Kenntnis. Erkennbar war, daß die o.g. 7 Zeichnungen zum Zeitpunkt der Wiedergutmachung nicht habhaft zu machen waren, nun aber nach dem Fund und der Schenkung annotierter Auktionskataloge des Auktionshaus Weinmüller im Jahr 2013 an das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München eindeutig identifizierbar geworden sind. Nach eingehender Prüfung des Sachverhaltes durch das DTM, handelt es sich bei den 7 Handzeichnungen DTM Inv.-Nr. III 4009-4015 um ein nach den Washingtoner Prinzipien und der Gemeinsamen Erklärung des Bundes, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände an die Nacherben von Siegfried Lämmle zu restituierendes Kulturgut.

 Im Rahmen des X. Kolloquium zur Provenienz- & Sammlungsforschung am Zentralinstitut für Kunstgeschichte haben die Erben nach Siegfried Lämmle Nina McGehee und Christopher Lämmle mit ihren Ehepartnern im April 2018 das Deutsche Theatermuseum besucht und die sieben Zeichnungen persönlich in Augenschein genommen.

 Im August 2018 wurden die Zeichnungen an die Nachfahren des Kunsthändlers Siegfried Lämmle restituiert. Die seltenen Blätter konnten durch Mittel des Freundeskreises Theatermuseasten für das Deutsche Theatermuseum von den Erben nach Siegfried Lämmle zurückerworben werden. Im unmittelbaren Vorfeld zu der in Berlin veranstalteten Fachkonferenz „20 Jahre Washingtoner Prinzipien: Wege in die Zukunft“ wurde im November 2018 schließlich im Deutschen Theatermuseum die Restitution und Erwerbung gemeinsam mit den Erben in einem symbolischen Übergabeakt vollzogen.


 

Aktuelle proaktive Provenienzforschung

 

Digitalisierung der für die Provenienzforschung relevanten Archivalien

Das durch Brandbomben beschadete Zugangsbuch der Jahre 1936-1944
©Deutsches Theatermuseum München

2016 erfolgte die Digitalisierung des für die Provenienzforschung relevanten, ältesten erhaltenen, im 2. Weltkrieg stark beschadeten Zugangsbuches des Deutschen Theatermuseums. Das Zugangsbuch dokumentiert Zugänge der Bibliothek und Sammlungen und wurde am 01.04.1936 begonnen. Der späteste Eintrag dieses Buches lautet auf den 31.05.1944. Diese nun gezielt durchsuchbaren Digitalisate stehen auf Nachfrage (susanne.de.ponte@deutschestheatermuseum.de) ab Februar 2019 im Deutschen Theatermuseum der Öffentlichkeit und auch (im Digitalen FPB-Ressourcenrepositorium) den Mitgliedern der dem FPB angehörenden Institutionen für Recherchezwecke zur Verfügung.


 

Provenienzforschungsprojekt zu Ankäufen zwischen 1936 und 1945. Gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste

Diese beiden Fälle von Bestandsobjekten, deren Provenienz als „Sammlung Michael Berolzheimer“ und „Sammlung Siegfried Lämmle“ identifiziert werden konnten sowie weitere im Zugangsinventarbuch des Deutschen Theatermuseums verzeichnete Ankäufe in Auktionen des Auktionshauses Weinmüller und Helbing, geben dem Deutschen Theatermuseum Anlaß zu gezielter Provenienzforschung. Der Antrag für ein auf zwei Jahre ausgelegtes Forschungsvorhaben zur systematischen Untersuchung und Prüfung auf Raubkunstverdacht von ca. 400 theaterhistorischen Zeichnungen und Druckgraphiken aus dem graphischen Bestand des Deutschen Theatermuseums, die im Zeitraum 1936-1945 im Auktionshaus Helbing bzw. Weinmüller angekauft wurden, wurde vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg im Juli 2017 genehmigt. Seit Mai 2018 führt die für Provenienzforschung ausgewiesene und mit den graphischen Beständen des Theatermuseums vertraute Kunsthistorikerin Dr. Manu von Miller in Zusammenarbeit mit der Referentin der Graphischen Sammlung das Forschungsprojekt am Deutschen Theatermuseum durch.

Pressemitteilung Restitution Siegfried Lämmle 03.12.2018

Hierzu: BR2 KulturWelt, 11.8.2017, Interview mit Dr. Susanne de Ponte 

Hierzu: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Katharina-von-Bora-Straße 10, 80333 München:
Kolloquium: Provenienz- und Sammlungsforschung (X)
25.04.2018 von 12:30 bis 20:30  

Siehe hierzu auch den Artikel von Susanne Hermanski in der Süddeutschen Zeitung, 11.11.2017.



Teilnahme am Tag der Provenienzforschung 

 


Das Deutsche Theatermuseum beteiligte sich an dem vom Arbeitskreis Provenienzforschung e.V. veranstalteten Tag der Provenienzforschung am 10. April 2018 mit der Studioausstellung „Herkunft und Bedeutung. 7 Zeichnungen zum Nürnberger Schembartlauf aus dem ehemaligem Besitz von Siegfried Lämmle“ und mit dem Angebot einer dialogischen Führung.



Gemeinsam mit mehr als 70 teilnehmenden Kulturinstitutionen in Deutschland, Großbritannien, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz gab das Deutsche Theatermuseum damit einen aktuellen Einblick in wesentliche Fragen und Ergebnisse der Forschung zur Herkunft ihrer Sammlungen und Objekte. 

Einen Überblick der teilnehmenden Institutionen sehen Sie hier.


In der eigens für diesen Tag eingerichteten Studioausstellung wurde an ausgewählten Originalen der kulturgeschichtliche Hintergrund einzelner Darstellungen der sogenannten Schembartläufer (Scheme = Maske), die frühe Dokumentation dieses Fastnachtsphänomens in sog. Schembartbüchern erläutert und ihre Bedeutung für die Theatergeschichte erklärt. 



Mit Hilfe von ausgewählten hausinternen Dokumenten, anderen Archivalien und den rätselhaften Beschriftungen der Blattrückseiten, wurden die Umstände des NS-verfolgungsbedingten Entzuges dieser Objekte in den Jahren 1938/39 greifbar. Sie führten dazu, dass die seltenen Blätter zum Schembartlauf aus dem ehemaligen Besitz des Kunstsammlers und -händlers Siegfried Lämmle in das Deutsche Theatermuseum kamen. Das Wissen um ihre Provenienz verleiht den Zeichnungen aus dem Bestand der graphischen Sammlung eine wichtige neue Bedeutungsebene. Sie wurden in 2018 an die Nachfahren des ehemaligen Besitzers restituiert und konnten für die Sammlung zurückerworben werden. Die 7 Blätter sind Teil eines derzeit laufenden, vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projektes zur Provenienzforschung am Deutschen Theatermuseum, das auf Erwerbungen aus den Auktionshäusern Helbing und Weinmüller, München fokussiert ist. In diesem Zusammenhang wurden auch Vorgehensweise und Ziel des laufenden Forschungsprojektes erläutert.