
Story
making Theatre: Macht
Alles im Umbruch?
Die Theater sind Orte gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. In aktuellen Debatten um Geschlechtergerechtigkeit, Diversität oder teamorientiertes Arbeiten bringen sich Theater aktiv ein. Der „Reality-Check“ an den Theatern selbst jedoch zeigt, dass den Forderungen nach einem grundlegenden Wandel der Arbeitskultur nur langsam strukturelle Veränderungen folgen. Historisch gewachsene Hierarchien, starre Strukturen, Machtmissbrauch, Sexismus und Rassismus bestehen hartnäckig fort, auch wenn die Sensibilität gewachsen ist und Missstände schneller öffentlich werden. Statistiken können einen quantitativen Blick auf die Theaterstrukturen bieten. Individuelle Positionen der Theaterschaffenden zeigen, dass hinter den Statistiken vielfältige Haltungen und Meinungen stehen – stets im Bewusstsein, dass manche Stimme auch ungehört bleibt.
Diagrammserie zu Daten aus der Studie von Thomas Schmidt „Macht und Struktur im Theater“

Diagramm zu "Sexuellen Übergriffen am Theater" aus der Studie "Macht und Struktur im Theater" von Thomas Schmidt. Visualisierung: Anne Peter nachtkritik.de, 2019.

Diagramm zu "Angebot von Rolle, Engagement, Gagenerhöhung gegen sexuelle Gefälligkeit" aus der Studie "Macht und Struktur im Theater" von Thomas Schmidt. Visualisierung: Anne Peter nachtkritik.de, 2019.

Diagramm zu "Formen des Machtmissbrauchs am Theater" aus der Studie "Macht und Struktur im Theater" von Thomas Schmidt. Visualisierung: Anne Peter nachtkritik.de, 2019.

Diagramm zu "Arbeitszeiten am Theater" aus der Studie "Macht und Struktur im Theater" von Thomas Schmidt. Visualisierung: Anne Peter nachtkritik.de, 2019.

Diagramm zu "Einkommen am Theater" aus der Studie "Macht und Struktur im Theater" von Thomas Schmidt. Visualisierung: Anne Peter nachtkritik.de, 2019.
Stimmen aus dem heutigen Theaterkosmos zu Strukturen, Macht, Geschlecht, Missbrauch und Mitsprache (München 2025 Interview: Maren Richter Deutsches Theatermuseum)
Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt am Main
Jessica Weisskirchen, Regisseurin und Sprecherin des Vorstands des ensemble-netzwerks e.V.
Bianca Michaels, Theaterwissenschaftlerin, Ludwig-Maximilians-Universität München
Strukturen und Hierarchien am Theater
Arbeitsbedingungen und Geschlecht am Theater
Stephan Stock, Künstlerischer Co-Leiter des Theaters Hora, Zürich
Nora Bussenius, Juliane Schenk, Christina Sidak, Teresa Monfared, Verena Usemann, Bühnenmütter e.V.
Anna Volkland, Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin
Lisa Jopt, Präsidentin der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA)
Michael Gottfried, Personalratsvorsitzender am Residenztheater München
Claudia Schmitz, Geschäftsführende Direktorin des Deutschen Bühnenvereins
Künstlerische Mitbestimmung und Mitsprache am Theater
Machtgefüge und Mitbestimmung
Theater entsteht durch das Zusammenwirken Vieler. Ihre Zusammenarbeit ist von gewachsenen, institutionellen Strukturen geprägt. Seit jeher haben politische Systeme Einfluss auf Theaterschaffende genommen – bis hin zu ihrer Ausgrenzung. Doch auch innerhalb der Theaterbetriebe bestimmen Hierarchien, Geschlechterverhältnisse und Machtgefüge die Zusammenarbeit. Spätestens seit den 1960er Jahren entstanden Initiativen des sogenannten Mitbestimmungstheaters mit dem Ziel, kollaborative Strukturen zu etablieren und eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen – sowohl künstlerisch als auch organisatorisch. Viele dieser Vorhaben scheiterten zwar in ihrer Radikalität, veränderten aber zum Teil nachhaltig die Art und Weise der Aushandlung von Entscheidungen am Theater. Bis heute bestehen Mechanismen fort, die die Teilhabe an der Theaterarbeit erschweren. Wie kann sich das Theater öffnen und die Zusammenarbeit aller am Theater verbessern? Diese Frage wird von Gewerkschaften, Initiativen und Interessensgruppen mit einer Vielfalt an Stimmen diskutiert.

Kontaktbogen zur Perspektivesitzung am 4.11.1976
Schaubühne am Halleschen Ufer Berlin 1976 Foto: Ruth Walz Original und Faksimile Privatbesitz Ruth Walz
Wie organisieren wir die Arbeit an dem Stück?“
An der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin wurde in den 1970er und 1980er Jahren der Theaterprozess neu gedacht: Eine Gruppe junger Theatermachender kam 1970 mit Regisseur Peter Stein an die Schaubühne, brach Hierarchien auf und suchte nach neuen Formen kollektiver Theaterarbeit. Künstlerische Mitarbeitende hatten ein Mitbestimmungsrecht bei der Stückauswahl und Spielplangestaltung. Protokolle und Fotografien der kollektiven Sitzungen veranschaulichen diesen Prozess. Mitbestimmungstheater wurde an vielen weiteren Theatern erprobt, seit 1969 am Theater am Turm in Frankfurt am Main oder seit 1971 am Theater am Neumarkt in Zürich. Über die Chancen, Herausforderungen und Grenzen einer solchen, vermeintlich hierarchielosen Zusammenarbeit von Theaterschaffenden wurde damals und wird heute noch intensiv diskutiert. Die Erzählungen der Pionierinnen und Pioniere des Mitbestimmungstheaters sind oft von einem starken Zusammenhalt geprägt. Ihre Erfahrungen können auch für heutige, kollektiv arbeitende Theatergruppen fruchtbar sein.

Protokoll Nr. 620 der Stabschauspielersitzung vom 6.4.1978 zur Produktion von „Groß und klein“. Schaubühne am Halleschen Ufer Berlin 1978 Original und Faksimile Deutsches Theatermuseum
