Deutsches Theatermuseum
Galeriestr. 4a
80539 München

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag
11 Uhr - 17 Uhr

Tickets & Preise

7 € Regulär
5 € Ermäßigt

Story

making Theatre: Experiment RAUM und VIRTUALITÄT

Experiment RAUM

Das Bühnenbild nimmt eine zentrale Rolle für jede Inszenierung ein. Viele Theaterschaffende werden benötigt, um es von der ersten Idee bis zum fertigen Bau umzusetzen: Bühnenbildnerin, Konstrukteur, Schreinerin, Bühnenmaler und Bühnentechnikerin. Die Gestaltung des Bühnenbilds spiegelt technische und wissenschaftliche Erkenntnisse der jeweiligen Zeit wider. So ermöglichten im Italien des 16. bis 18. Jahrhunderts die mathematisch-naturwissenschaftlichen Forschungen zur Perspektive, dass auch die Bühnenmalerei neue Illusionen und Räume mit Tiefenwirkung erschaffen konnte. Mit der Elektrifizierung Ende des 19. Jahrhunderts wurde es möglich, die Bühne elektrisch zu drehen und damit Szenenwechsel schneller und bei offener Bühne zu vollziehen. Auch die Arbeitswelt am Theater veränderte sich mit der zunehmenden Technisierung: Neue Berufe kamen hinzu, die Zusammenarbeit in der Bühnentechnik gestaltete sich neu, viele analoge Handgriffe wurden durch Maschinen ersetzt. 

Autograph von Giovanni Batista Aleotti, detto l'argent mit dem Titel "Regole generali di prospettiva", entstanden um 1620. Deutsches Theatermuseum München, ID 317337.

Illusion und Mechanik

Die Kunst der Perspektive im Barocken Theater Mit dem um 1620 datierten Traktat Regole generali di prospettiva lieferte Giovanni Battista Aleotti (1546 – 1636) eine Art Anleitung des Perspektivzeichnens, insbesondere für das Malen von Bühnendekorationen. Als Bühnenarchitekt und Ingenieur verstand er es, die bekannten Prinzipien der Perspektive, Geometrie und Optik zu nutzen, um auf der Bühne illusionäre Räume zu erschaffen. Sein Interesse galt den Phänomenen der optischen Wirkung, das heißt, wie die Dinge dem Betrachter „erscheinen“. In der bisher unveröffentlichten Handschrift zielte Aleotti bereits auf Raum-Bild-Erfindungen, die auf der Bühne den Sehsinn überzeugen und nahm die Entwicklung barocker Raumerfindung im Bühnenbild vorweg. Die Zeichnung zu Il Trionfo Della Continenza Considerato In Scipione Affricano von 1677 von Giacomo Torelli (1604 – 1678), Schüler von Aleotti, zeigt die räumliche Darstellung zweier barocker Palazzi und die Beleuchtung der Architektur, mit der Torelli eine Tiefenillusion bei den Betrachtenden hervorrufen wollte.

Bühnenbildentwurf zu der Oper "Trionfo della Continenza" für das Theater Fano, von Giacomo Torelli , Premiere 26.05.1677. Deutsches Theatermuseum München, Inv. Nr. IV3924, ID 49465.

Eine Revolution der Bühnentechnik

Die Drehbühne

Den Impuls zu meinem System gab mir die Art der Vorführung von lebenden Bildern in England, doch war diese Einrichtung für den praktischen Bühnenbetrieb nicht verwendbar. Ich suchte daher die Idee dem letzteren dienstbar zu machen, indem ich sie in ein bestimmtes System brachte und zugleich durch wesentliche Neuerungen eine Einrichtung schuf, die der Bühnenwelt, wie sich jetzt bei der Aufführung von Mozart’s Don Juan mit den zehn Verwandlungen gezeigt hat, aussergewöhnliche Vortheile bietet. CARL LAUTENSCHLÄGER, 1896

Es gibt in diesem Bühnenbild kein Hinten und kein Vorne, es gibt keine richtige Seite. Alle Szenografien rotieren, alles ist offen. ALEKSANDAR DENIĆ, 2014 

Sobald sich ihr Motor in Bewegung setzt, entsteht eine Kraft (neben der Schwerkraft), die auf die Biomechanik der menschlichen Bewegung einwirkt. ISABELLE SCHAD, 2019

Querschnitt der Münchner Dreh Bühne im königlichen Residenztheater, 1896, von Carl Lautenschläger.

Ansicht der Münchner Dreh Bühne im königlichen Residenztheater, 1896, von Carl Lautenschläger.

Grundriss der Münchner Dreh Bühne im königlichen Residenztheater, 1896, von Carl Lautenschläger.

Die Drehbühne, die 1896 im Residenztheater München erstmals für die Inszenierung von „Don Giovanni“ eingesetzt wurde, eröffnete neue technische Möglichkeiten. Maschinist Carl Lautenschläger konzipierte ein kreisförmiges, auf Schienen drehbares Podium mit einem Durchmesser von 24 Metern, auf dem mehrere Szenenbilder gleichzeitig aufgebaut werden konnten. Durch die Drehung der Bühne konnte diese nahtlos und ohne Unterbrechung vor die Bühnenöffnung gebracht werden, was schnelle Szenenwechsel ermöglichte. Lautenschläger nannte seine Erfindung „Dirigent der Bühnenmaschinerie“, da die Maschinen weitgehend automatisch betrieben wurden. Elektromotoren und Rollen erleichterten die Bedienung, sodass nur eine Person die Drehbühne steuern musste. Lautenschlägers Bühne war die erste ihrer Art in Europa – doch gab es außereuropäische Vorbilder. So arbeitete das japanische Kabuki Theater bereits im 17. Jahrhundert mit ähnlichen Konstruktionen. Bis heute ist die Drehbühne ein wichtiges Element moderner Theatertechnik. 

Rebecca Meier, Bühnenmeisterin des Residenztheaters München, über alte und neue Drehbühnen- Techniken im Residenztheater München 

Eiserner Hammer der Bühnentechnik des Residenztheaters München, verbogen durch die Kräfte der Drehbühne. 

Experiment VIRTUALITÄT

Theaterproduktionen verändern sich durch die Digitalisierung zunehmend. Einzelne Schritte der Theaterproduktion werden in den virtuellen Raum verlegt: So wird eine Bauprobe zur Prüfung der Dimensionen eines Bühnenentwurfs durch Virtual Reality (VR) Technologie durchgeführt. Auch die Theaterschaffenden denken den theatralen Raum neu. Sie entwickeln neue Zugriffe durch 3D-Game Engines und erweitern die Bühne durch virtuelle Umgebungen oder durch den Einsatz von generativer Künstlicher Intelligenz. Damit ändert sich auch die Zusammensetzung der Mitwirkenden im Theater. Der Bau eines Film-Szenenbildes, das Inszenieren und Spielen vor einer 360°-Filmkamera sowie die Programmierung von VR-Welten verändern den Theateralltag grundlegend. Wer sind die Spielenden und wer sind die Zuschauenden? Nicht nur die Grenzen der räumlichen Welten verschwimmen, auch die Grenzen zwischen „experience“ und „liveness“ lösen sich im Theater der digitalisierten Wirklichkeit auf. Das konzeptionelle Verweben von künstlerischer und technologischer Ebene ist ein fortlaufender Prozess: Wie sieht wohl das Theater der Zukunft aus? 

3D-Screening im Marstall und Gespräch des dramaturgischen Teams, Interview mit Digitaldramaturg Ilja Mirsky 

München 2024 Interview: Maren Richter, Film: Johanna Seggelke Deutsches Theatermuseum 

Sein oder Nichtsein?

Im Herbst 2024 startete das Residenztheater München in Kooperation mit dem belgischen Künstlerkollektiv CREW das multimediale Theaterprojekt „Tremens“. Ausgehend von der historischen Figur Timon von Athen werden die Versprechungen des Metaversums kritisch hinterfragt. Hier treffen unterschiedliche reale wie virtuelle Umgebungen aufeinander: outside und inside. Wie sieht echte Präsenz in einer digitalen Welt aus? Für die Theaterschaffenden bedeutet dies, Grenzen zu überwinden und gemeinsam neue Methoden des virtuellen Theatermachens zu entwickeln. Dabei wird auch auf analoge Modelle zurückgegriffen, um die Figuren im virtuellen Stück zu entwickeln und den Wechsel von der realen in die virtuelle Theaterwelt zu gestalten. Digitaldramaturg Ilja Mirsky erzählt, wie die Arbeit im virtuellen Theaterraum auch in die analoge Theaterwelt zurückwirkt und neue künstlerische Zugriffe eröffnet. Die virtuelle Theaterproduktion „Tremens“ wird am 21. Februar 2026 am Residenztheater uraufgeführt. 

Zeichnung aus der virtuellen Theaterarbeit von CREW, Belgien 2025, © CREW Brussels