
Story
Voguing – von New York nach München
Abschlussprojekt von Johanna Nowak, Bundesfreiwillige im DTM 2025-2026
Voguing als Ausdruck, Geschichte und Tanz
Was ist eigentlich Voguing? Und hat es etwas mit Theater zu tun? Voguing ist ein Tanzstil, bekannt für schnelle Bewegungen. Seine Wurzeln hat das in den 1980er Jahren entstandene Voguing in der Ballroom-Szene der 1960 Jahre in Harlem, New York. Heute begeistert es in Tanzstudios oder in Kursen, auf kleinen und großen Bühnen der Musikszene, in Clubs und Bars. Auch medial kann man Voguing kaum entgehen: Angefangen beim Dokumentarfilmklassiker „Paris is Burning“ (1990) bis hin zur Reality-Show „RuPauls Dragrace“, über die Netflix Serie „Pose“, bis hin zu Performern wie Malcom McLaren werden Voguing-Elemente gefeiert und waren sogar bei den Olympischen Spiele 2026 zu sehen. Was vielleicht auf den ersten Blick als Abfolge von verschiedenen Posen wirkt, ist viel mehr als das; es ist eine Form des Selbstausdrucks der LBTQI+ Community und anderer marginalisierter Gruppen. Voguing verbindet eine Geschichte der Exklusion mit Ausdruck und Freiheit. Ob in großen Wettbewerben, in Kursen, Musikvideos oder privat – heute gibt es Voguing für alle.
Die Ballroom-Szene des 19. und 20. Jahrhunderts
Harlem, New York
Die Ursprünge der ersten „Drag-Balls“ lassen sich bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Anfangs handelte es sich dabei vor allem um Schönheitswettbewerbe, bei denen die ersten „Drag-Queens“ gegeneinander antraten und ihre Outfits, ihr Styling und ihre Bühnenpräsenz zeigten. Diese Veranstaltungen gaben queeren Menschen einen Raum, in dem sie sich ausdrücken und ihre Identität sichtbar machen konnten. In den 1940er-Jahren wurden Drag-Balls jedoch vielerorts verboten. Grund dafür waren neue Gesetze und zunehmende Stigmatisierung von Homosexuellen. Viele „Balls“ wurden in den Untergrund verlagert und fanden nur noch in geschlossenen, oft geheimen Räumen statt.
Obwohl diese „Balls“ ein Zufluchtsort für queere Menschen waren, zeigten sich auch hier Diskriminierungen. Viele Ballrooms wurden von weißen Teilnehmern dominiert und rassistische Vorurteile innerhalb der Jurys führten dazu, dass Afroamerikaner kaum eine faire Chance hatten zu gewinnen. Dies führte dazu, dass Afro- und Lateinamerikaner eigenen Drag-Balls veranstalteten – mit eigener Jury und ohne rassistische Ausgrenzungen.
Mit der Zeit entwickelten sich in der „Ballroom-Szene“ verschiedene Kategorien. Diese werden als „walked“ bezeichnet. Die Teilnehmer treten in verschiedenen Kategorien an, zeigen ihre jeweils dazu passende Performance auf einem Laufsteg und werden anschließend von einer Jury bewertet. Die walked-Kategorien veränderten sich von Battle zu Battle und variierten mit den Jahren und je nach Veranstaltung. Heute zählen zu den bekanntesten und einflussreichsten Kategorien unter anderem „Voguing“, „Fem-Realness“ oder „Butch-Realness“und „Fashion“.
Mütter und Väter der Häuser
Voguing ist für die Community ein Zuhause – das zeigt sich auch daran, dass sich Vouger in sogenannten „Houses“ organisieren und den Namen des Hauses als Teil ihres Künstler*innen-Pseudonyms annehmen. House-Mitglieder unterstützen sich weit über Events hinaus. Auch in Deutschland ist Voguing längst keine flüchtige Erscheinung der queeren Community mehr und so haben sich inzwischen auch deutsche „Houses“ etabliert.
Die ersten „Houses“ der Ballroom-Szene wurden in den 1980er Jahren gegründet. Der Vorreiter war Haus Labeija, das in Harlem entstand, zusammen mit Crystal LaBeija. Sie ist eine der wenigen PoC-Drag-Queens, die einen von Menschen mit weißer Zuschreibung organisierten Ball gewann.
Die Entstehung der Häuser bildete das Gegenstück zu den Straßengangs in Harlem. Der Name „House“ kann hier wörtlich genommen werden. Junge Menschen, die meist aus rassistischen oder homophoben Gründen aus ihren biologischen Familien verstoßen wurden, sollten ein neues Zuhause finden. In ihren Häusern unterstützen sich die Mitglieder, indem sie ihr Wissen teilen und sich gegenseitig Schutz bieten.
Die Häuser organisieren sich mit einer Leitung, die Mutter bzw. Vater genannt wird. Die restlichen Mitglieder werden Kinder genannt. Die Benennung der Häuser erfolgt oft nach bekannten Modehäusern und wird von der Gründerin/dem Gründer vergeben: So gibt es zum Beispiel das House of Dior oder auch das House of Saint Laurent. Alle Mitglieder eines Hauses zeigen ihre Zugehörigkeit, indem sie den Haus-Namen gleichzeitig als Nachnahme an ihren Bühnennamen anhängen, zum Beispiel Hector Xtravaganza oder Lottie LaBeja. Diese Häuser treten in Wettkämpfen, also verschiedenen „Balls“, gegeneinander an. Wenn ein Voguer sein Haus in einem Wettkampf vertritt, dann kämpft er damit auch um das Ansehen seines Hauses.
House of LaBeija
Das Haus LaBeja wurde 1972 von Crystal und Lottie LaBeja gegründet. Crystal machte sich selbst schon in den 1960er und 1970er Jahren einen Namen in der Drag-Szene von Manhattan und gewann den Titel „Miss Manhattan“. Bei der Miss All-America Camp Pageant 1967 setzte Crystal ein Zeichen und verließ die Bühne, nachdem sie den dritten Platz erreicht hatte. Sie sah diese Bewertung als weiteren Beweis der Bevorzugung von weißen Teilnehmerinnen bei Drag-Wettbewerben. Zusammen mit Lottie, einer weiteren Drag Queen, gründete sie ihr eigenes Haus „LaBeija“ und veranstalteten den ersten Ball für alle People of Colour. Crystal verstarb Mitte der 90er-Jahre und Pepper übernahm als Mutter.
House of Ultra Omni
Kevin Omni gründete 1979 das House of Omni, das erste Haus in Brooklyn. Kevin ist Menschenrechtsaktivist und gründete ein großes Netzwerk für LGBTQ / PoC-Personen und jungen Menschen, die Opfer von sexualisierter Gewalt wurden. Er war zudem war Mentor für den Dokumentarfilm „How do I Look“ (2006), einem Film über die Ballroom- und Vogue-Szene. Während der Covid-Pandemie veranstaltete er mehrere Online-Bälle und sorgte dafür, dass der globale Austausch trotz der Pandemie erhalten blieb.
House of Xtravaganza
House of Xtravaganza wurde 1982 gegründet und zählt heute zu den bekanntesten Häusern der Ballroom-Szene. Der Großvater des Hauses war Hector Xtravaganza, ein Puerto-Ricaner der das Haus für „all-Latino“ gründete[DV1] . Jose Xtravaganza, Mitglied des Hauses, war an Madonnas berühmten Song „Vogue“ (1990) als Choreograf beteiligt.
House of Miyake Mugler
Das Haus Miyake Mugler wurde im Jahr 1989 gegründet. Es entstand mit dem besonderen Konzept, maskuline Drag-Queens zu unterstützen, die entweder neu in der Szene waren oder aus der Arbeiterklasse stammten und sowohl bei Balls teilnahmen als auch einen Beruf ausübten. Dies schaffte für viele neuen Freiraum und Möglichkeiten in der Szene. Gegründet wurde es von David Edmonds, Raleigh Chapman und Julian Christian Chanel. Auch heute kommen die Mitglieder der Häuser aus den verschiedensten Berufen.
Old Way, New Way und Elemente
Der Name Voguing stammt von der gleichnamigen Zeitschrift „Vogue“. Inspiriert waren viele der Bewegungen von Modelposen in der Vogue, aber auch von ägyptischen Hieroglyphen, gymnastischen Bewegungen, Ballett-Bewegungen und vielen weiteren Stilen.
Es gibt verschiedene Kategorien der Bewegungen, an denen sich Voguer orientieren können, doch sie werden nicht von allen gleich ausgelegt und müssen nicht strikt eingehalten werden.
Der „Old Way“
Originaler Name „Pop, Dip & Spin“ – war der erste Stil des Voguing. Dieser Stil ist besonders durch sehr lineare, präzise und geometrische Bewegungen geprägt. Tänzerinnen und Tänzer Formen mit ihrem Körper klare Winkel und symmetrische Linien, die oft an Modeposen aus Magazinen erinnern. Charakteristisch ist dabei eine eher kontrollierte und strukturierte Ausführung der Bewegungen. Elemente aus dem Breakdance, sowie „Popping“, „Tutting“ und Martial Arts finden sich neben den Modelposen wieder.
Der „New Way“
entwickelte sich in den 1980ern. Dieser Stil brachte mehr Dynamik in das Voguing und erforderte mehr Flexibilität. Im Gegensatz zum Old Way, der stärker auf starre Linien und feste Posen setzte, zeichnet sich der New Way, durch fließende Übergänge zwischen den Bewegungen aus. Elemente sind zum Beispiel „Clicks“ und „Arm Control“.
Vouge Fem
kommt aus der Drag-Szene. Dieser Stil zielt vor allem auf die Hyperweiblichkeit des Körpers ab und wird von vielen Cis-Frauen und Butch Queens ausgeübt. Die Elemente bestehen aus „Catwalks“, „Handsperformance“, „Spin & Dips“, „Floorperformance“ und „Duckwalk“. Vouge Fem ist der heute am häufigsten performte Stil und daher in den meisten Shows zu sehen.
Voguing wird populär
Die Popularität für Voguing ist in den 1980ern und vor allem durch Madonnas Song „Vogue“ stark gestiegen. Ihr Song landete in 30 Ländern auf Nummer 1, kurz darauf ging sie auf Welt-Tournee. Im Musikvideo zum Song sind verschiedene Voguer aus der Ballroom-Szene und Bewegungen des Voguing zu sehen.
Zur selben Zeit erschien der Dokumentationsfilm „Paris is burning“
Deutscher Titel: „Paris brennt“. Erscheinungsdatum: August 1991 USA, Regie: Jennie Livingston, auch bekannt aus „Pose“ Staffel 2 Folge 7 2019. Eine Chronik der New Yorker Drag-Szene in den 1980er Jahren, die sich auf Bälle, das Voguing und die Ambitionen und Träume derjenigen konzentriert, die dieser geprägt haben. Stars: Brooke Xtravaganza, André Christian, Dorian Corey, Pepper LaBeija, Paris Duprée, und weitere.
Der Film begleitet verschiedene Tänzerinnen und Tänzer aus der Ballroom-Szene in New York und gibt einen tiefen Einblick in ihr Leben, ihre Community und ihre Kunstform. Dabei zeigt die Dokumentation nicht nur die Tanzperformances selbst, sondern setzt sich auch mit den sozialen Hintergründen auseinander, thematisiert Fragen um Identität, Ausgrenzung, Armut und der Suche nach Anerkennung. Durch den Film wurde die Kultur des Balls und des Voguings erstmals einem breiteren Publikum zugänglich gemacht und erhielt internationale Aufmerksamkeit. Elemente des Tanzes tauchten in Musikvideos, Mode und Popkultur auf, und viele Menschen außerhalb der Ballroom-Community begannen, sich für den Stil zu interessieren. Es entstand geradezu ein Hype um das Voguing.
Voguing heute
Durch die steigende Popularität von Drag-Shows und Ballrooms nimmt die Sichtbarkeit von Voguing weiter zu. In der bekannten Reality-Show „RuPaul's Drag Race“ (2009-2026) treten immer wieder Performerinnen* auf, die Elemente des Voguing in ihre Auftritte einbauen oder selbst aus der Ballroom-Szene stammen. Weitere Bekanntheit in den Medien bekam Voguing durch die Serie „Pose“ (2018-2021), die die Geschichte der Ballroom-Kultur in New York zeigt und in den späten 1980er- und 1990er-Jahren spielt.
Heute ist Voguing keine Untergrundbewegung mehr. Seine Popularität is vor allem durch „Vouge Fem“, die heute beliebteste Kategorie des Voguing, gewachsen.
Verarbeitung und Safe Space
Voguing bietet den Performer*innen eine Möglichkeit, Emotionalität und die eigenen Erfahrungen in den Tanz zu integrieren –
- und zu verarbeiten. Für viele ist Voguing nicht nur ein Hobby, sondern eine lebensnotwendige Praxis der Selbsterhaltung, ein Ort der Freiheit und ein Safe Space. Hier können sie Erfahrungen von Rassismus, sexueller Gewalt, Xenophobie und weitere Schwierigkeiten aus ihrem Leben performativ verarbeiten und durch ihren Tanz teilen.
Voguing für alle
Auch wenn Voguing aus der queeren Szene der USA kommt, so wird es in Europa meist von Weißen oder Frauen performt. Voguing öffnet einen Safe Space, wenn Frauen einen Ort erfahren, in dem sie sich ohne genderspezifische Vorurteile ausleben können. Der Anspruch bleibt, dass Voguing für alle offen sein will, egal welcher Herkunft oder sexuellen Orientierung.
Aufmerksamkeit Schaffen - raising awareness
An Orten, an denen LGBTQ+-Personen von der Gesellschaft ausgeschlossen werden oder wo das freie Ausleben ihrer Sexualität und Identität gesetzlich oder kulturell verboten ist, bietet Voguing einen Safe Space. Voguing bietet der Community die Möglichkeit, sichtbar zu bleiben und ihre Identität zu feiern.
So zum Beispiel als in den 1980ern und 1990ern die queere Community durch die HIV/AIDS-Krise getroffen wurde: Die Community der Voguing-Szene setzte sich für mehr Aufmerksamkeit für Aids-Tests und Prävention ein und arbeitete aktiv gegen die Stigmatisierung von HIV/AIDS-Positiven und leistete wichtige Aufklärungsarbeit.
Voguing in Deutschland und München
Die größte Community für Voguing in Deutschland findet sich in Berlin, sie zeigt sich zum Beispiel beim Festival „Berline VoguingOut“, bei den mehrere Workshops und Performances des Voguings zu finden sind. Aber auch anderswo gibt es verschiedene Houses und eine Community.
Das House Melody
2011 wurde mit dem House Melody das erste Deutsche Ballroom House von Georgina Leo Melody in Berlin gegründet. Georgina geb. Philp ist gebürtige Düsseldorferin, die ihre zeitgenössische Tanzausbildung in den Niederlanden absolvierte. Beeinflusst wurde sie durch Archie Brunett, einen bekannten New Yorker Tänzer der Ballroom- und House-Szene, der auch heute noch bei vielen Balls als Juror eingeladen wird.
Durch das House Melody wurde auch das erste Voguing Festival in Berlin ins Leben gerufen, das seit 2017 als Berlin Ballroom Community weiterlebt. 2019 schloss sich das House Melody dem House of Saint Laurent, das 1982 in New York gegründet wurde, an. Damit begann das europäische Kapitel des House of Saint Laurent. In der Folge nahmen viele den Nachnamen Laurent an.
Voguing im Theater und der freien Szene
Voguing findet sich inzwischen auch im Theater. Auf Kampnagel in Hamburg, einem Veranstaltungsort, trifft Voguing in „The Romeo“ oder „Das Phantom der Operette“ auf Theater; gezeigt werden verschiedene Elemente der Ballroom-Szene und des Voguings auf der Bühne. Die Shakespeare-Adaption nutzt Voguing zudem als emotionale Geste. In der Operette von La Fleur werden afrikanische Tanzformen und Voguing-Elemente verbunden.
Durch die Organisation von verschiedenen „Balls“, in denen Voguer aus Deutschland aufeinandertreffen, ob im Wettkampf oder zur Performance eingeladen, steigt die Sichtbarkeit und Öffentlichkeit des Tanzes immer weiter an.
Wo findet sich Voguing in München?
Die Deutsche Voguing-Szene ist noch jung. Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche junge und queere Menschen, die mit ihren Ideen und Projekten die Ballroom-Szene und das Voguing weiter in das Bewusstsein von München bringen. Houses, Kurse und Events sind in München bereits zahlreich zu finden. 2025 und 2026 fanden in München Voguing-Battles wie die „Isar Night“ oder „Munich Showroom“ statt.
München war und ist eine lebendige Tanzstadt. In den 1920er Jahren traten viele wichtige Tänzerinnen und Tänzer des modernen Tanzes in München auf. Darunter finden sich Namen wie Alexander Sacharoff, Mary Wigman, Lo Hesse und Sent Máhesa. Tänzer wie Alexander Sacharoff zählen heute zu den Voreitern des modernen Tanzes.







