Story
making Theatre: Macht und Zeit
Jeder Mensch hat seine eigene Zeit
„Zeit“ ist ein hart umkämpftes Gut in der Theaterwelt. Im engen Zeitkorsett bis zur Premiere galten erschöpfende 12-Stunden-Tage und Wochenendproben lange als notwendig für die besonders hohe künstlerische Qualität einer Inszenierung. Und noch heute geraten immer wieder geregelte Strukturen wie Vormittagsprobe, Kostümanprobe, Textlernen, Maske, Abendprobe oder Abendvorstellung und Wochenendarbeit aus dem Gleichgewicht. Sind Theaterschaffende durch außerberufliche Verpflichtungen wie Care-Arbeit belastet, gibt es oftmals nur wenig Spielraum, Freiräume zu schaffen und Strukturen anzupassen. Ensembles mit beeinträchtigten Schauspielerinnen und Schauspielern wie das Theater Hora in Zürich oder die Freie Bühne München sind gute Beispiele dafür, wie in der Theaterarbeit auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingegangen werden kann. Dies strukturell in Theaterbetriebe einzubinden, ist möglich, wie die Münchner Kammerspiele zeigen. Der Blick auf die inklusive Theaterarbeit zeigt Alternativen auf für Wege einer bedarfsorientierten Theaterarbeit.
Sleeping Leon
Sleeping Leon
Die Probenarbeit für ein Theaterstück fordert Schauspielende geistig und körperlich. Zwischen den anstrengenden Morgen- und Abendproben sind Ruhezeiten notwendig. In der Theaterarbeit mit beeinträchtigten Schauspielenden an der Freien Bühne München wird auf ihre individuellen Bedürfnisse geachtet, wozu auch das Angebot gehört, jederzeit selbstständig Ruhepausen in Anspruch zu nehmen. So sucht sich Schauspieler Leon Boehme während der Probenarbeit Zeitpunkt und Ort für seine Pausen selbst aus. Diese Freiheit im Umgang mit den eigenen Bedürfnissen ist für den Schauspieler ein entscheidender Faktor für die Probenarbeit und die Entwicklung seines Schauspiels. Die Bedürfnisse jedes Einzelnen zu koordinieren, gleichzeitig Zeitpläne einzuhalten und ein Theaterstück zur Premiere zu bringen, ist eine Herausforderung. Dennoch befördern Strukturen, die auf inklusives Arbeiten ausgerichtet sind, demokratische Theaterprozesse, Teilhabe und Zugänglichkeit zum Theater – für Theatermachende und für das Publikum.
Erzählungen von Leon Boehme Statements by Leon Boehme München 2025 Interview: Maren Richter und Verena Regensburger Deutsches Theatermuseum
Fotos aus der Probenarbeit des mixed abled Ensemble der Münchner Kammerspiele zu den Inszenierungen „Oh Schreck“ und „In Ordnung“ Münchner Kammerspiele 2023 – 2025 Foto: Filo Krause, Anna Gesa-Raija Lappe Reproduktion
Transformation
Mit dem Hora-Manifest macht das Theater Hora in Zürich seine gemeinsamen Werte sichtbar. In seinem Ensemble arbeiten seit 1993 Schauspielende mit kognitiver Beeinträchtigung. 2020 begannen auch die Münchner Kammerspiele in Kooperation mit der Freien Bühne München ihr Ensemble inklusiv zu besetzen und ein mixed abled Ensemble aufzubauen. Die damit einhergehenden Veränderungen in der Theaterarbeit waren in den Kammerspielen einschneidend. Vor allem der Faktor Zeit erhielt neues Gewicht: Aufgrund der Bedürfnisse von Schauspielenden mit körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen wurde in den Proben zu „In Ordnung“ eine Matratze für mögliche Ruhephasen auf die Bühne gelegt. Anfangs waren einige Ensemblemitglieder davon irritiert – schließlich entsprach dies nicht den gewohnten Probenbedingungen. Das wandelte sich aber im Laufe der Probenzeit: Schon bald machten viele weitere Ensemblemitglieder von der Möglichkeit Gebrauch, sich auf der Matratze von anstrengenden Probenmomenten zu erholen.
Manifest zur inklusiven Arbeit des Theaters Hora Zürich 2022 Reproduktion Theater Hora
Veränderung ist möglich!
Regisseur und Sozialpädagoge Rouven Costanza begleitete das inklusive Kooperationsprojekt der Münchner Kammerspiele und der Freien Bühne München mit einer wissenschaftlichen Studie. Im Mittelpunkt stand die Frage, was gruppendynamisch passiert, wenn Schauspielende mit und ohne körperliche und kognitive Beeinträchtigungen zusammenarbeiten – und welche Veränderungen dies in der Theaterarbeit ermöglicht. Die Beteiligten berichten, wie sie trotz unterschiedlicher Sprech-, Zuhör- und Arbeitstempi zusammenarbeiten. Neue Strukturen wie etwa die Einrichtung theaterpädagogischer Stellen an den Münchner Kammerspielen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Wenn alle Beteiligten – von den Schauspielenden bis zu den Leitungen der Institutionen – gemeinsam den Prozess vorantreiben, kann Veränderung auch nachhaltig Bestand haben, wie Costanzas Studie zeigt.
Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie von Rouven Costanza zum Kooperationsprojekt der Münchner Kammerspiele und der Freien Bühne München (München 2020 – 2024 Rouven Costanza ):
In der inklusiven Theaterarbeit werden Achtsamkeit, Geduld, Offenheit, Fehlertoleranz, Akzeptanz, Bedürfnisorientierung, Solidarität, Humor verstärkt. Dies kann für alle positive Auswirkungen haben.
Durch die inklusive Anpassung der Organisationsstruktur des Theaters wie Zeitstruktur, Planung oder Personal verbessern sich die Arbeitsbedingungen für alle.
Inklusive Theaterarbeit kann die Sehgewohnheiten verändern: Publikum und Medien bewerten inklusives Theater mit zunehmender Zeit positiver.
Je länger die Schauspielenden zusammenarbeiten, desto mehr verliert die Unterscheidung zwischen „mit“ und „ohne Einschränkung“ an Bedeutung.
Für die Theaterarbeit mehr Zeit zur Verfügung zu haben, aber dennoch Produktionen effizient zu gestalten, erzeugt Spannung. Ob sie sich verstärkt oder löst, wird beeinflusst von den Erwartungen der Gesellschaft und der Politik an das Theater.
Intendantin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, und Beteiligte aus der inklusiven Theaterarbeit berichten. München 2020 und 2025 Interview: Rouven Costanza und Maren Richter Rouven Costanza, Deutsches Theatermuseum
Zettelbox
Ruh dich aus und spüre die Zeit!
Jeder hat seine eigene Zeit, so sagen es die Schauspielenden des Theaters Hora. Aber was ist deine Zeit? Wieviel Zeit möchtest du wofür haben? Nimm sie dir – ruh dich auf der Matratze aus. Lausche den Erzählungen von Leon oder zieh einen Zettel aus der Zeit-Box und folge den Anweisungen. Wie fühlt sich Zeit für dich an? Du möchtest diese Erfahrung mit anderen teilen? Dann nimm den Zettel einfach mit!
Alles im Umbruch?
Die Theater sind Orte gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. In aktuellen Debatten um Geschlechtergerechtigkeit, Diversität oder teamorientiertes Arbeiten bringen sich Theater aktiv ein. Der „Reality-Check“ an den Theatern selbst jedoch zeigt, dass den Forderungen nach einem grundlegenden Wandel der Arbeitskultur nur langsam strukturelle Veränderungen folgen. Historisch gewachsene Hierarchien, starre Strukturen, Machtmissbrauch, Sexismus und Rassismus bestehen hartnäckig fort, auch wenn die Sensibilität gewachsen ist und Missstände schneller öffentlich werden. Statistiken können einen quantitativen Blick auf die Theaterstrukturen bieten. Individuelle Positionen der Theaterschaffenden zeigen, dass hinter den Statistiken vielfältige Haltungen und Meinungen stehen – stets im Bewusstsein, dass manche Stimme auch ungehört bleibt.
Diagrammserie zu Daten aus der Studie von Thomas Schmidt „Macht und Struktur im Theater“ Visualisierung: Anne Peter nachtkritik.de, 2019
Stimmen aus dem heutigen Theaterkosmos zu Strukturen, Macht, Geschlecht, Missbrauch und Mitsprache
München 2025 Interview: Maren Richter Deutsches Theatermuseum
Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt am Main
Jessica Weisskirchen, Regisseurin und Sprecherin des Vorstands des ensemble-netzwerks e.V.
Bianca Michaels, Theaterwissenschaftlerin, Ludwig-Maximilians-Universität München
Strukturen und Hierarchien am Theater
Arbeitsbedingungen und Geschlecht am Theater
Stephan Stock, Künstlerischer Co-Leiter des Theaters Hora, Zürich
Nora Bussenius, Juliane Schenk, Christina Sidak, Teresa Monfared, Verena Usemann, Bühnenmütter e.V.
Anna Volkland, Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin
Lisa Jopt, Präsidentin der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA)
Michael Gottfried, Personalratsvorsitzender am Residenztheater München
Claudia Schmitz, Geschäftsführende Direktorin des Deutschen Bühnenvereins
Künstlerische Mitbestimmung und Mitsprache am Theater
Machtgefüge und Mitbestimmung
Theater entsteht durch das Zusammenwirken Vieler. Ihre Zusammenarbeit ist von gewachsenen, institutionellen Strukturen geprägt. Seit jeher haben politische Systeme Einfluss auf Theaterschaffende genommen – bis hin zu ihrer Ausgrenzung. Doch auch innerhalb der Theaterbetriebe bestimmen Hierarchien, Geschlechterverhältnisse und Machtgefüge die Zusammenarbeit. Spätestens seit den 1960er Jahren entstanden Initiativen des sogenannten Mitbestimmungstheaters mit dem Ziel, kollaborative Strukturen zu etablieren und eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen – sowohl künstlerisch als auch organisatorisch. Viele dieser Vorhaben scheiterten zwar in ihrer Radikalität, veränderten aber zum Teil nachhaltig die Art und Weise der Aushandlung von Entscheidungen am Theater. Bis heute bestehen Mechanismen fort, die die Teilhabe an der Theaterarbeit erschweren. Wie kann sich das Theater öffnen und die Zusammenarbeit aller am Theater verbessern? Diese Frage wird von Gewerkschaften, Initiativen und Interessensgruppen mit einer Vielfalt an Stimmen diskutiert.
Kontaktbogen zur Perspektivesitzung am 4.11.1976
Schaubühne am Halleschen Ufer Berlin 1976 Foto: Ruth Walz Original und Faksimile Privatbesitz Ruth Walz
Wie organisieren wir die Arbeit an dem Stück?“
An der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin wurde in den 1970er und 1980er Jahren der Theaterprozess neu gedacht: Eine Gruppe junger Theatermachender kam 1970 mit Regisseur Peter Stein an die Schaubühne, brach Hierarchien auf und suchte nach neuen Formen kollektiver Theaterarbeit. Künstlerische Mitarbeitende hatten ein Mitbestimmungsrecht bei der Stückauswahl und Spielplangestaltung. Protokolle und Fotografien der kollektiven Sitzungen veranschaulichen diesen Prozess. Mitbestimmungstheater wurde an vielen weiteren Theatern erprobt, seit 1969 am Theater am Turm in Frankfurt am Main oder seit 1971 am Theater am Neumarkt in Zürich. Über die Chancen, Herausforderungen und Grenzen einer solchen, vermeintlich hierarchielosen Zusammenarbeit von Theaterschaffenden wurde damals und wird heute noch intensiv diskutiert. Die Erzählungen der Pionierinnen und Pioniere des Mitbestimmungstheaters sind oft von einem starken Zusammenhalt geprägt. Ihre Erfahrungen können auch für heutige, kollektiv arbeitende Theatergruppen fruchtbar sein.

Protokoll Nr. 620 der Stabschauspielersitzung vom 6.4.1978 zur Produktion von „Groß und klein“. Schaubühne am Halleschen Ufer Berlin 1978 Original und Faksimile Deutsches Theatermuseum
