Deutsches Theatermuseum
Galeriestr. 4a
80539 München

Opening hours

Tuesday to Sunday
11 a.m. - 5 p.m.

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Story

Experiment LICHT und TON

Experiment LICHT

Die Bedeutung des Lichts in einer Inszenierung ist in der neueren Zeit immens. Jede gesetzte Lichtquelle trägt zur Gestaltung der Bühne bei. Bis weit in das 19. Jahrhundert dienten Kerzen und Öllampen als einzige Lichtquellen im Theater. Theaterschaffende experimentierten mit Licht, erzeugten optische Illusionen mit der Laterna Magica, die durch Bildprojektionen visuelle Effekte herstellte. Die Elektrifizierung der Bühnen Ende des 19. Jahrhunderts technisierte die bisher mechanisch erzeugten Effekte, erweiterte die Möglichkeiten der künstlerischen Gestaltung von Raum und Licht im Theater und eröffnete neue Ausdrucksformen. Damit kamen auch neue Berufsgruppen wie Beleuchterinnen oder Projektionskünstler an das Theater. Heute sind Projektionen allgegenwärtiger Bestandteil von Inszenierungen – bis hin zu Einspielungen von Live-Kamera-Aufnahmen, die während des Theaterabends entstehen. Die Bühnentechnik und die Organisationsstrukturen an den Theatern haben sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. 

Mit den technischen Kräften des Theaters in engster Fühlung

Mit der Elektrifizierung des Lichts erhielten die Theater ab Ende des 19. Jahrhunderts komplexe, elektrische Schaltwarten. Die Glühbirne gewann nach dem Ersten Weltkrieg im Bühnenraum wie auch im Zuschauerraum zunehmend an Bedeutung, während sich auch die Scheinwerfertechnik und neue mediale Praktiken wie Projektionen im Bühnenraum rasant weiterentwickelten. Ab den 1920er Jahren installierten mehr und mehr Theater Projektionstürme und Beleuchtungsbrücken und stellten Projektionsapparate auf. Der Einsatz von Licht auf der Bühne war damit längst nicht mehr Aufgabe der Malerwerkstätten, sondern wurde die Aufgabe der Beleuchter. Es entstanden eigene Beleuchtungsabteilungen am Theater, die sich der zentralen Stellung ihrer Aufgabe bewusst waren. Dass sich der Beruf in seinem Selbstverständnis von einem technischen zu einem gestaltenden gewandelt hat, zeigt sich auch im Wandel der Bezeichnung: Aus Beleuchterinnen wurden Lichtgestalterinnen und Lighting Designer. Die Beleuchtung im Theater gilt als eigene Kunstform.  

Schalt + Regelanlage, Deutsches Theatermuseum München, Nachlass Adolf Linnebach, ID 29087

Bühnenbeleuchtungs Rheostaten zum regeln elektrischer Stromkreise über Widerstände, Deutsches Theatermuseum München, Nachlass Adolf Linnebach, ID 29072

Was sagen berühmte Theatermenschen zur Bedeutung von Licht?

Ohne Licht gibt es keinen Raum. ROBERT WILSON, 2020 

Erneuern wir das Bühnenbild … schaffen wir die gemalte Kulisse ab … das Bühnenbild wird eine farblose elektromechanische Architektur, die durch die chromatischen Ausstrahlungen von Lichtquellen kräftig belebt wird … analog zur Psyche jeder szenischen Handlung geordnet und koordiniert. ENRICO PRAMPOLINI UND ANTON GIULIO BRAGAGLIA, 1915 

Durch die Projektion bin ich in der Lage, ständig mit den technischen Kräften des Theaters in engster Fühlung zu bleiben. Durch die selbstgemalten Platten bleibe ich bis zum Schluß an der Ausführung meiner Entwürfe aktiv beteiligt. Niemand kann deren künstlerische Idee verzerren. NINA TOKUMBET, 1920

Licht ist das wichtigste plastische Medium auf der Bühne. Ohne dessen vereinheitlichende Kraft sehen wir nur, was Objekte sind, und nicht, was sie ausdrücken. ADOLPHE APPIA, UM 1900

Vom Bühnenbildentwurf über die Glasplatte zur Inszenierung

Szenenbild von Caspar Neher für "der Hofmeister" am Deutschen Theater Berlin, Premiere 15.04.1950. © Deutsches Theatermuseum München, ID 51538

Stellvertreter für eine Glasplatte von Hainer Hill zu der gleichen Aufführung

Stellvertreter für ein Inszenierungsfoto von Ruth Berlau zu der gleichen Aufführung

Projektor von der Firma XY

„Projection Mapping“ in Handarbeit

Die Dias für die Projektion bestanden aus etwa 13 x 18 oder 18 x 18 cm großen Platten aus festem, hartem Glas oder aus Glimmer. Die Bilder wurden von Hand gefertigt, das heißt durch Zeichnen, Malen, Kratzen, Schaben oder Stechen. Die Bühnenbildnerin Nina Tokumbet benutzte besonders konstruierte Spritzpistolen zum Auftragen der Farben auf die Platte und kratzte sie dann aus. Die fertigen Platten retuschierte sie schwarz. Durch dieses Verfahren gelang ihr eine besondere Klarheit und Tiefenschärfe des Bildes. Der feine Strich wurde durch das Objektiv oft auf das Hundertfache vergrößert. Die Platten mussten so bemalt werden, dass sie durch das vergrößernde Objektiv des Projektors riesige Horizonte von über 20 Metern breiten wie tiefen Bühnen füllen konnten. Wurden die Bilder von hinten auf einen gekrümmten Rundhorizont geworfen, musste die Verzerrung im Kleinen und die Entzerrung im Großen genau bedacht werden – wie es heute im „Projection Mapping“ per Software programmiert werden kann. 

Bühnenbild im Taschenformat

Mit der neuen Bühnentechnik der Projektion seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte neben den bisher gemalten Prospektbühnenbildern eine dreidimensionale „Raumbühne“ geschaffen werden. Bühnenbilder wurden auf Glasplatten aufgemalt, die in Projektoren hineingeschoben wurden. Das Bühnenbild wurde so auf Leinwände projiziert. Damit waren Projektionen flexibler als gebaute Dekorationselemente, ermöglichten einen schnelleren Szenenwechsel, waren kostensparend und leicht zu transportieren, zum Beispiel bei Gastspielen. Die Anfertigung solcher Glasplatten erforderte hohe handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten, die in den 1920er und 1930er Jahren vor allem die Bühnenbildnerin Nina Tokumbet (1899 – 1947) beherrschte. Durch jahrelanges Erforschen von Farbenmischungen und technischen Parametern gelang es ihr, dass auch bei stärkster Licht- und Wärmeentwicklung durch die damals verwendeten Glühlampen die Farben auf den Projektionsplatten nicht schmolzen oder ausbleichten. Nina Tokumbet war eine der ersten Künstlerinnen, die ganze Bühnenbilder mittels Projektionstechnik gestaltete. 

Nachgemalte Glasplatte

Licht und Ton am Residenztheater

Möglichkeitsräume im Residenztheater

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Theater ganz oder teilweise zerstört. 1948 entstanden Pläne zum Ersatz des alten Residenztheaters durch ein neues Theatergebäude mit modernsten Licht- und Projektionsapparaten. Die Entwürfe wurden so nicht verwirklicht. Eine revolutionäre Veränderung erfuhr die Bühnentechnik durch die zunehmende Digitalisierung seit den 1980er Jahren. Bereiche wie Ton, Beleuchtung und Video entwickelten sich zu hochspezialisierten Abteilungen. Mediale Formen wie Fotografie, Video-Projektion oder (Live-)Musik können in aktuellen Inszenierungen immer stärker miteinander verflochten werden. Gleichzeitig ist auch das Zusammenwirken der Theaterschaffenden selbst, sei es in der Probenarbeit oder in der Bühnentechnik, von zunehmender Digitalität und teilweise Virtualität geprägt. Bühnen wie das Residenztheater München sind heute hochkomplexe, technische und digitalisierte „Möglichkeitsräume“ für kreative Ideen. Die Theaterschaffenden, die sie steuern, sind Spezialistinnen und Spezialisten ihres Fachs.

Pläne zum Wiederaufbau des Residenztheaters

Wiederaufbau auf dem neuesten Stand der Technik 

Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs begannen die Planungen für den Bau eines neuen Staatsschauspielhauses in München. Es sollte am Ort des zerstörten Alten Residenztheaters errichtet werden. Für den Bühnenraum sah Regierungsbaudirektor Karl Hocheder eine Beleuchtungskuppel vor, in der zahlreiche Scheinwerfer fest installiert werden sollten. Entlüftungsschächte sollten für die ausreichende Abkühlung in der Kuppel sorgen. Die Planer griffen auch auf die neuen technischen Möglichkeiten der Projektion zurück und sahen einen fahrbaren Projektionsturm vor. Viele innovative Ideen aus diesem sogenannten Vorprojekt wurden jedoch nicht realisiert. Als das neue Residenztheater am 28. Januar 1951 eröffnet wurde, gab es nur wenige technische Neuerungen. Lediglich der Bereich der Vorbühne wurde neu gestaltet: Sie war nun nicht mehr durch einen Rahmen von der Hauptbühne getrennt, sondern bildete mit ihr eine architektonische und bühnenbildnerische Einheit. Dies brachte den Zuschauenden das Spiel näher.


RESIDENZTHEATER MÜNCHEN LICHT VIDEO TON 1986 – 2025

Mit der technischen Weiterentwicklung in den Bereichen Licht, Video und Ton in den letzten vierzig Jahren haben sich die zuständigen Abteilungen im Residenztheater zunehmend spezialisiert und ausdifferenziert. Die Menge an technischer Ausstattung wächst rasant. Inszenierungen werden mit neuen Möglichkeiten wie Live-Kamera oder Live-Musik immer komplexer. Die Theaterschaffenden müssen sich eng abstimmen. Neue Technik-Tools zur wechselseitigen Steuerung von Licht, Video und Ton kommen zum Einsatz. 

Einleuchten Digital

Ohne Licht gibt es keinen Raum, sodass die Lichtgestalter maßgeblich die Wahrnehmung des Stücks prägen: Erst wenn die Bühne beleuchtet wird, können Mitwirkende und Zuschauende das Bühnengeschehen sehen – und zwar so, wie es durch die Lichtgestaltung mit-inszeniert wird. Während bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts das Einleuchten der Bühne noch per Hand stattfand, arbeiten Lichtgestalterinnen heute mit digital gesteuerten, kopfbewegten Leuchten, sogenannten Moving Lights, oder 3D-Visualisierungen des Bühnenraums. Auf diese Weise können sie sogenannte Presets der Lampen und Beleuchtungspositionen bereits in einer virtuellen Bühne einstellen und somit Lichtstimmungen noch vor der ersten Beleuchtungsprobe erarbeiten. Lichtdesigner Gerrit Jurda erzählt, wie Scheinwerfer durch die Musik gesteuert werden können, wie die Videoprojektion die Farben der Scheinwerfer bestimmt oder Moving Lights automatisch dem Geschehen auf der Bühne folgen.

Video Licht Heute mit Gerrit Jurda

Experiment TON

TO)))N

Unsere Aufgabe bestand darin, Sprache und Musik zu einer perfekten Verbindung zu bringen, die Partitur zum integralen Bestandteil des Stückes zu machen, so daß die Handlung durch die Kraft der Musik noch besser zusammengefügt und dramatisch erhöht wird. KURT WEILL, CA. 1935

Es geht also auch um das lustvolle Gefühl bei der Wahr- nehmung der Stimme, und wenn von Stimm-Qualität die Rede ist, dann von Stimmqualität im Besonderen als ästhetisches, nicht als anatomisch-organisches bzw. physikalisch-akustisches Phänomen. ANDREAS ENGLHART, 2002

Musik besteht aus Klang und Stille. Komponieren heißt, diese beiden Elemente zusammenführen. JOHN CAGE, 1949


Die Möglichkeitsräume haben sich auch im akustischen Bereich des Bühnenraums erweitert: im Ton. Über viele Jahrhunderte standen vor allem Sprache und Artikulation im Zentrum des Sprechtheaters. Heutige Theaterinszenierungen zeigen vielfältige Formen von Hörbildern und Klangwelten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts perfektionierte die Tontechnik den Klangraum, schaffte akustische Illusionen und erzeugte Atmosphäre über Geräuschkulissen. Heute sprechen Schauspieler ihren Text oftmals mit Mikroports – kleinen, am Kopf befestigten Mikrofonen. Musikerinnen werden von Theatern beauftragt, für ein Theaterstück zu komponieren. Manchmal stehen sie live auf der Bühne. Regie, Schauspiel, Bühnenbild, Ausstattung und Soundscape verweben sich zu einem künstlerischen Gesamterlebnis. Die neuen sonischen Möglichkeiten erfordern eine immer raffiniertere Tontechnik. Am Theater wächst damit der Bedarf an Mitarbeitenden aus der Konzert- und Eventbranche. 


Klangräume

Immer mehr Schauspielende stehen mit sogenannten Mikroports auf der Bühne. Viel wird diskutiert und kritisch befragt, ob die jüngere Schauspielgeneration die Kunst der Artikulation verlernt hat. Doch auch das Publikum hat sich verändert, wie die Forschung zeigt, und Mikroports gleichen aus, dass die Besuchenden nicht mehr so bewusst zuhören. Die Verwendung von Mikroports ermöglicht ein flüsterndes Spiel oder das Sprechen unter Masken, erzeugt Intimität und verstärkt die Verbindung zwischen Schauspielenden und Zuschauenden. Gleichzeitig verändert sich das Raumempfinden, weil die Bühne auch dort bespielbar wird, wo Schauspielende mit ihren Stimmen ohne Technik nicht zum Publikum vordringen. Werden Songs oder Live-Musik eingespielt, werden Schauspielende mit Mikroports nicht gleich übertönt, im Gegenteil: Sie können sogar singend in die Live- Musik einsteigen – ganz ohne Hinzunahme eines Handmikrofons. Handlung und Sound verschmelzen miteinander.


Einverleibt

Das Mikrofon im Gesicht zu tragen ist mittlerweile fester Bestandteil des Schauspielalltags. Aber wer bringt das Mikroport an? Sichtbar im Gesicht der Schauspielenden gehört es weder eindeutig zur Tonabteilung, die es technisch betreut, noch zur Maskenabteilung, die sich um das Make-Up kümmert. Es ist vom Körper der Schauspielenden nicht mehr zu trennen: Vermischt mit Schminke und Schweiß, eingewoben in die Perücke wird das Mikroport zu einer Erweiterung des Schauspielerkörpers.