
Story
Die biografische Recherche in Archiv, Bibliothek und Sammlungen des Deutschen Theatermuseums
Wir begeben uns auf Spurensuche: Wie lassen sich Lebenswege am Theater erforschen?
Wir geben hier einen Einblick in die Recherchemöglichkeiten in Archiv und Bibliothek des Deutschen Theatermuseums. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Wege sich bei der Spurensuche nach Lebenswegen von Theaterschaffenden eröffnen und wie diese systematisch beschritten werden können.
1. Schritt: Dein Ziel der Recherche klären
Zuerst musst du deine genaue Fragestellung definieren. Oft hat man hier ein viel zu großes Thema und muss erst genauer werden, bevor es an die Recherche gehen kann. Zum Beispiel interessieren dich vielleicht Schauspielerinnen im deutschsprachigen in der ersten Hälfte des 20en Jarhunderts. Daher hast du einen Vortrag der Forschenden Janne und Klaus Weinzierl zu ihrem Projekt an den Münchner Kammerspielen „MK: Schicksale“ angehört. Dort bist du auf den Namen „Grete Jacobson“ gestoßen. Bei einer anschließenden Web-Recherche kannst du jedoch nichts zu ihr finden.
Damit hast du dein weites Thema eingegrenzt und deine Fragestellung definiert.
Wer war Grete Jacobson und wie verlief ihr Leben?
2. Schritt: Sekundärquellen zu Rate ziehen
Digitale Recherche
Nun geht es zur Vorrecherche. Hier ziehst du zuerst digitale und analoge Sekundärquellen heran. Eine Sekundärquelle verarbeitet, analysiert oder interpretiert ursprüngliche Informationen und bezieht sich dabei auf bereits vorhandene Quellen. Eine Primärquelle hingegen ist ein unmittelbares, originales Zeugnis eines Ereignisses oder Gegenstands, das ohne nachträgliche Interpretation entstanden ist.
Digitale Datenbanken für eine Recherche der Lebensdaten sind Beispielsweise:
Kaliope, Deutsche National Bibliothek (DNB), Neue Deutsche Biographie (NDB)
Dort findest du heraus:
Geboren 1898 in Wien
Ehemann Erwin Faber
Tochter Monika Faber
Beruf Schauspielerin
Diese Informationen enthalten noch viele Lücken. Nun kommt das sogenannte Schneeballverfahren zum Einsatz. Bei dieser Recherche-Technik schaust du dir die Quellen deiner Sekundärquellen an und sammelst alles an Nachschlagewerken und Link in einer Liste, die dir auch als ähnliche Suchergebnisse ausgegeben werden. In der DNB werden die Lexikoneinträge genannt, aus denen sich der digitale Eintrag ergeben hat:
Dessauer Künstler-Lexikon
H. dt. Exiltheater Bd. 2
Kosch Theater
Ulrich
Ulrich: Theater, Tanz und Musik im Deutschen Bühnenjahrbuch
Ulrich: Theater, Tanz und Musik im Deutschen Bühnenjahrbuch. Nachtrag
Auf Kaliope findest du zusätzlich, dass der Nachlass ihres Ehemanns im Deutschen Theatermuseum liegt.
Analoge Recherche
Der nächste Schritt ist es nun die analogen Bücher zu sichten. (Die Einsichtnahme in den Nachlass des Ehemanns heben wir uns für einen späteren Zeitpunkt auf)
Nach einer Recherche im Onlinekatalog des DTM findest du heraus, dass alle von dir gefundenen Bücher dort vorhanden sind. Daher reservierst du dir einen Platz im Lesesaal (Di und Do, 11-17 Uhr). Die Lexika sind im Lesesaal als freihandbestand verwendbar, alles weitere bitte mit Signatur anfragen, dann wird es ausgehoben.
Wichtige biografische Theaterlexika
Paul S. Ulrich/ Lothar Schirmer: Biographisches Verzeichnis für Theater, Tanz und Musik. Fundstellennachweis aus deutschsprachigen Nachschlagewerken und Jahrbüchern, 2 Bände, Berlin 1997.
Paul S. Ulrichs Lebenswerk war die Erschließung von zehntausenden deutschsprachigen Theaterjournalen (von einzelnen Theatern), Theateralmanachen (zu vielen Theatern) und über 100.000 Theaterzetteln (von einzelnen Theatervorstellungen). Er wertete aus diesen die Namen von über 30.000 Schauspielern, Sängern und weiteren Theatermitarbeitern sowie Aufführungsorte und weitere Informationen aus und übertrug sie in verschiedene Datenbanken sowie in zahlreiche Einzelpublikationen. Paul S. Ulrich gilt als ein Pionier der detailorientierten Theatergeschichtsforschung.
Deutsches Theater-Lexikon, biographisches und bibliographisches Handbuch, begr. von Wilhelm Kosch, Klagenfurt 1949-2020.
Sobald du nähere Daten hast, kannst du anfangen zu recherchieren, ob Grete Jacobson in zeitgenössischen Zeitschriften oder ähnlichem vorkommt. Möglicherweise findest du sie in Besetzungslisten an den Häusern, an denen sie gearbeitet hat. Oder du kannst über ein Gastspiel in dem sie mitgespielt hat feststellen, dass sie in einem bestimmten Jahr in einer bestimmten Stadt war.
Wichtige Theaterzeitschriften und Statistiken
Deutsches Bühnenjahrbuch, das große Adressbuch für Bühne, Film, Funk und Fernsehen, hrsg. von der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, Hamburg 1915-2022. Vorher: Neuer Theater-Almanach, theatergeschichtliches Jahr- und Adressenbuch, Berlin 1890-1914; vorher: Allg. Deutscher Theater-Almanach, Braunschweig, bzw. Almanach für die Freunde der Schauspielkunst, L. Wolff, Berlin 1836 und vereinzelt frühere.
Das Deutsche Bühnenjahrbuch als Nachfolger des Neuen Theater-Almanachs war ein Theateralmanach, der zuletzt auch Angaben aus anderen Kulturbereichen enthielt. Er erschien von 1915 bis 2022. Herausgeber war die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger und in der NS-Zeit zuletzt der Präsident der Reichstheaterkammer im Verlag der Deutschen Beamtenbuchhandlung Berlin.
Der Spielplan, die monatliche Theater-Vorschau, Braunschweig 1966-2020; vorher auch: Der Spielplan der deutschen Bühnen, Kassel 1954-1964; Deutscher Bühnenspielplan, Berlin 1896-1944
Zu Sammelnde Daten
Name, Namensvariationen, Mädchennamen, Spitznamen, Name in der Mutetrsprache
Geburts und Todesdatum und Ort
Eltern, EhepartnerInnen, Kinder, Geschwister, LebenspartnerInnen, bekannte FreundInnen
Ausbildung(en), Abschlüsse
Engagements, Wohnorte, Festanstellungen, Gastspiele
Preise, Auszeichnungen
3. Schritt: Primärquellen durchsuchen
Der nächste Schritt ist die Einsichtnahme in die Primärquellen. Primärquellen in der Biografischen Recherche sind Zeitzeugnisse wie Zeitungsartikel, Theaterkritiken, Theaterzettel, Programmhefte, Spielpläne und weiteres.
Mit den schon gesammelten Grunddaten kannst du nun am DTM die einzelnen Sammlungsbereiche anfragen.
Mit den Grunddaten die anderen Sammlungsbereiche anfragen. Du hast herausgefunden, dass Grete Jacobson in den beiden Theaterstücken "Die Erbin" und "Feuerwerk" mitgespielt hat. Mit diesen Titeln und der Jahreszahl frägst du bei der Kritikensammlung an.
Dein Ziel in diesem Schritt ist es deine bisher gefundenen Daten abzugleichen und deine Daten zu erweitern. Es kann gut sein, dass du bei deiner Sichtung der Primärquellen auf Daten stößt, die dich noch einmal in die Sekundärquellen schauen lassen. Das kann auch mehrmals hin und her gehen, da du immer wieder neue Engagements, Namen von Freundinnen oder Wohnorte findest. Gerne lassen wir alle für deine Forschung wichtigen Dokumente und Bücher zusammen in der Bibliothek für dich vorbereitet.
4. Schritt: weitere Archive kontaktieren
Wenn du alles gesichtet und gelesen hast, was du bei uns im DTM finden kannst, kannst du deine Suche ausweiten. Du kannst bei anderen Theaterwissenschaftlichen Archiven anfragen und zum Beispiel den Nachlass von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern anfragen. Dort können sich in Briefen oder Tagebüchern Informationen über Grete Jacobson verstecken. (ZB Köln, Meiningen, ADK Berlin, Stadtarchive)
Es lohnt sich auch die Stadtarchive anzufragen, in denen sie gewohnt und gearbeitet hat. Dort können z.B. Unterlagen zu den Theaterhäusern und damit Verträge mit Jacobson zu finden sein.
Nun bist du gut gerüstet. Bei Fragen oder Unsicherheiten helfen wir dir gerne weiter. Aber solange du möglichst präzise in deiner Anfrage bist, kann gar nichts mehr schief laufen. (Also nicht nach "Alles über Jacobson" anfragen, sondern bitte Lebensdaten, Wohnorte, Jahreszahlen, Inszenierungstitel erst selbst recherchieren und dann die Sammlungsbereiche gezielt anschreiben)
